Tanz und Schule

Beitrag von Katja Schneider in "Jahresheft Tanzplan Deutschland 2006/07" (März 07)

Aufforderung zum Andocken Man kann sich reibungslosere Starts vorstellen: Das Münchner Projekt “Access to Dance” musste einige Hürden überwinden, bis es im November 2006 endlich grünes Licht bekam. Erst da entschied sich, dass das Kooperationsmodell so verwirklicht werden könnte, wie es von Anfang an geplant war, und sicher auf den drei Säulen Tanzproduktion und -präsentation, Tanzvermittlung und Tanzweiterbildung stehen kann.

Auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln Zugänge zum zeitgenössischen Tanz zu schaffen und diese Strategien so stark wie möglich zu vernetzen, ist das Ziel von „Access to Dance“. Dafür werden in dem komplexen Kooperationsmodell Tanzbasis e.V., gegründet von Walter Heun, Nina Hümpel, Klaus Kieser, Dietmar Lupfer, Katja Schneider, Simone Schulte und Bettina Wagner-Bergelt erstmals Praxis und Theorie, Kunstausübung und Weiterbildung, Erleben und Reflektieren vor Ort gebündelt. Was bislang in München beziehungsweise Bayern von Einzelinitiativen vorwärts gebracht wurde, hat nun die Chance, konzentriert zusammenzuwirken und so ganz neue und nachhaltige Strukturen zu schaffen.

Das Kulturbüro Simone Schulte & Andrea Marton konzipiert und organisiert mit dem Verein Tanz und Schule e.V. Tanz als integrativen Bestandteil des Vormittagsunterrichts und bearbeitet damit ein auch in Bayern bislang noch vernachlässigtes Feld. Das Ziel: Tanzkunst als selbstverständlichen Teil kultureller Bildung in der breiten Öffentlichkeit zu verankern und die Qualifizierung der Lehrenden voranzutreiben. Die Kulturmanagerin Schulte und die Tanzpädagogin Marton entwickeln und veranstalten seit März 2006 Weiterbildungen für Tänzer, Choreografen sowie Tanzpädagogen und vermitteln sie als Lehrende an Schulen. Bislang gibt es rund 25 Projekte bayernweit, wobei ihre Dauer zwischen sechs Wochen und zwölf Monaten variiert. Tanz und Schule e.V. wählt die Unterrichtenden aus – zur Zeit sind das 20 Projektleiter und zehn Assistenten – und finanziert ihnen regelmäßige Fortbildungen. Dazu gehören in diesem Jahr unter anderem Workshopmodule von TanzMedizin Deutschland e.V., Laban-Basics und Forsythes Improvisation Technologies. Im September 2007 steht ein Projekt mit der ehemaligen Forsythe-Tänzerin Ana Catalina Román an, die in einer Intensivwoche mit Schülern eine Aufführung erarbeiten wird und direkt im Anschluss in einer internen Fortbildung Pädagogen zeigen wird, wie man so ein Schulprojekt stemmt.

Langfristig ist geplant, diese Module zur Qualifizierung in ein Curriculum einzubinden und zu zertifizieren. Teil davon wird auch – in Kooperation von Kulturbüro, Tanz und Schule e.V. und verschiedenen Fakultäten der Ludwigs-Maximilians-Universität München – eine offene Vortragsreihe sein, die das Wissen über Tanz und seine Beziehung zu verschiedenen Disziplinen beleuchtet.

Diese Weiterbildungsangebote werden in enger Kooperation mit dem Bayerischen Staatsballett realisiert, das für die Initiative Tanz und Schule auch Räumlichkeiten bereitstellt. Die große Münchner Kompanie – selbst seit zwei Jahren mit den Programmen „Erlebnis Ballett“ und „THEATerleben“ in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv – integriert sich zudem mit Werkstattgesprächen und Theaterbesuchen in die Arbeit von Tanz und Schule. Verantwortlich für die Education-Programme des Staatsballetts ist die Dramaturgin und stellvertretende Ballettdirektorin Bettina Wagner-Bergelt, die auch Gründungsmitglied von Tanzbasis e.V. ist. Engagement ist für sie eine Notwendigkeit: „Man kann sich als Künstler nicht darauf zurückziehen: Wir machen Kunst und sonst nichts. Sondern wir müssen dafür sorgen, dass es in Zukunft noch ein Publikum gibt, ein aufgeklärtes Publikum. Das heißt vor allem, mit Kindern künstlerisch zu arbeiten, die in einer Gesellschaft leben werden, die über immer mehr Freizeit verfügt, die sie sinnvoll nutzen sollten. Hier müssen wir Angebote mit Niveau in den Wettbewerb bringen.“

Gemeinsam mit dem Münchner St. Anna Gymnasium sowie Tanz und Schule e.V. rief das Bayerische Staatsballett das Projekt „anna tanzt“ ins Leben. Jeweils im Juli, während der letzten vier Schulwochen vor den großen Ferien, erhalten alle achten Klassen einer Jahrgangsstufe ihren Tanz-Unterricht statt in der Schule im Studio. Dort entwickeln sie mit einer Choreografin, ihren Assistenten sowie einigen Schülern eines anderen Schultyps ein Stück bis zur Bühnenpräsentation. Im Juli 2006 war es Ana Catalina Román, die „anna tanzt“ leitete und das künstlerische Resultat in der Münchner Reithalle zeigte; 2007 wird Nadja Raszewski aus Berlin für die rund 100 Jugendlichen verantwortlich sein und mit ihnen Ende Juli in der Muffathalle auftreten.

Tanz und Schule und Bayerisches Staatsballett sind zudem mit einer weiteren Institution vernetzt: der Theaterwissenschaft München (twm) an der Ludwig-Maximilians-Universität. Neben einer um die Tanzwissenschaft erweiterten Ausbildung steht hier der Kontakt zur künstlerischen Praxis im Vordergrund, und zwar in enger Anlehnung an das laufende Münchner Repertoire und Münchner Institutionen. So gibt es zur aktuellen Petipa-Spielzeit des Staatsballetts ein Seminar, das Probleme der Tradierung und Neuinszenierung von Klassikern bearbeitete und dazu die Verantwortlichen am Theater in ausführlichen Interviews befragte. In diesem Kontext entwickelten sich bereits erste eigene Praxiserfahrungen der jungen Tanzwissenschaftlerinnen, die nun beim Staatsballett Publikumseinführungen geben oder Vorträge halten. Gleichzeitig leistet die Tanzwissenschaft in München die kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation der Projekte von Tanz und Schule. Hier ist sie vernetzt mit einer Arbeitsgruppe des Bundesverbands Tanz in Schulen, die Modelle der Evaluation entwickelt und erprobt.

Dieser Schule und Universität verbindende, so genannte "Studies"-Bereich von „Access to Dance“ wird von Tanzplan Deutschland seit Januar 2006 gefördert, ebenso die Etablierung von Tanz als Unterrichtsfach sowie die beschriebene Arbeit renommierter Choreografen mit Schülern und deren Ausbildenden. Das Gesamtprojekt "Access to Dance" der Tanzbasis ist jedoch umfassender und kann nur durch außerordentliche Unterstützung der Landeshauptstadt München und des Freistaats Bayern in vollem Umfang realisiert werden. Mithilfe dieser Förderung wurde im Herbst 2006 dann auch mit den eng auf die „Studies“ bezogenen Projektbereichen „Produktion und Präsentation“ sowie „Kommunikation/Dokumentation“ gestartet. Zeigt doch das Logo von „Access to Dance“ verschieden große, farblich abgestufte und miteinander verbundene Kreise verschiedener Größen: „Eine Struktur von Zellen“, so Dietmar Lupfer, „die es ermöglicht, dass neue Initiativen und Ideen andocken können.“