Tanz und Schule

Presse

„MOVE IT“ – ein tänzerisches Großprojekt
Pressekonferenz am 06. Februar 2012, 12.00 Uhr
Montessori Schule Starnberg

Interview mit Andrea Marton und Eva Seidl, „Tanz und Schule“, München

In zehn Tagen ist die Aufführung. Wie ist das Bühnenprogramm entstanden?

Eva Seidl:

Jede von uns übernahm die „Federführung“ für eine der beiden Großgruppen. Das waren jeweils knapp vierzig Kinder. Wir hatten uns beide vorab einen thematischen Schwerpunkt überlegt. Andrea hatte als Thema „Balance und Off-Balance“ und ich hatte als Thema „Begegnung und Kontakt“.

Am Anfang haben sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig kaum angesehen und wollten partout mit niemandem etwas machen, den sie nicht kannten. Diesen „Ist-Zustand“ habe ich aufgegriffen. Am Anfang ist es immer eine Suche. Wo kann ich die Kinder mit was erreichen? Wo kann ich sie abholen, wo gehen sie mit, was geht nicht gut? Wir haben das Thema besprochen: Was ist „fremd“? Wie wirkt etwas fremd? Was mache ich, wenn mir jemand fremd ist und was mache ich nicht? Daraus haben wir die erste Szene entwickelt. Aus den Bewegungsspielen haben wir Abfolgen entwickelt, Bei den Jungen waren das mehr „coole“ Gesten. Die Mädchen brachten weichere Bewegungen mit ein.

Andrea Marton:

Mein Grundthema „Balance“ hat ja gerade in der Paararbeit auch sehr viel mit Beziehung zu tun. Das passte gut zusammen und war der gemeinsame Ausgangspunkt.

Wie haben die Schüler das Tanzen aufgenommen?

Eva Seidl:

Wenn man zu viele choreographische Vorgaben auf einmal macht, wird ihnen das schnell zu viel. Besonders mochten sie die Kontakt- und Bewegungsspiele, Alles was schnell war, hat ihnen gut gefallen.

Andrea Marton:

Die Themen „Kraft“ und „etwas Wagen“ kamen gut an und waren Basis für die Entwicklung eigener Bewegungssequenzen.

Wie gingen die Jungen mit dem Thema „Tanz“ um?

Ludger Lamers:

Wenn man die Jungen auffordert, eine Bewegung zu erfinden oder sich zu organisieren, sind sie viel mehr dabei als wenn sie etwas nachmachen müssen. Das finden sie oft langweilig. Wenn man eine kleine Gruppe von Jungen hat und ein oder zwei, manchmal sogar alle haben eine Idee, dann steckt das richtig an. Dann springt der nächste auf und hat auch eine Idee und plötzlich sind alle hochkonzentriert.

Andrea Marton:

Bei unseren Proben fielen immer wieder Schüler auf, die in bestimmten Szenen besonders stark waren.

Je größer die Gruppe, desto schwieriger die Konzentration. Deshalb fand ich es toll, dass wir noch zwei Männer dabei hatten. Da hatte man die Möglichkeit, bestimmte Gruppen, die etwas anderes brauchen, herauszunehmen. Wir hatten zum Beispiel ein paar Jungen, die auf der Bühne nicht gesehen werden wollten.

Das ist ja auch legitim. Habt ihr trotzdem alle auf die Bühne gebracht?

Andrea Marton:

Ja, das wollten wir schon hinbekommen. Das ist längst kein Thema mehr, aber wir haben darauf reagiert. Ludger erarbeitete daraufhin was Cooles mit Kapuzen und mit Rücken zum Publikum.

Wie entstand die Mädchenchoreographie?

Andrea Marton:

Es gab ein paar große Mädchen, die haben etwas bekommen, was sie in der Großgruppe nicht hätten kriegen können.

Es ist räumlich und dadurch über die Geräuschkulisse extrem schwierig an verschiedenen Stellen gleichzeitig zu arbeiten. Aber es war toll, dass verschiedene Geschichten nebeneinander entstehen durften.. Sonst hätten wir das zeitlich gar nicht geschafft in vier Monaten.

Welches Ziel verfolgt ihr mit dieser Art von Tanzprojekten?

Andrea Marton:

Die Herangehensweise des zeitgenössischen Tanzes ist sehr stark vom Experimentieren mit Bewegung geprägt. Darum schauen wir erst einmal, was wir von den Kindern bekommen, bevor wir Bewegungsfolgen vorgeben.

Ludger: Am Anfang war das Tanzen schon allen eher suspekt. Aber sobald ein Funken von Material da ist, oder eine Musik, und sie sehen, dass ein Bild entsteht, fühlen sie sich plötzlich in der Verantwortung.

Würde das Projekt auch ohne den Fokus auf die Aufführung funktionieren?

Andrea Marton:

Dann hätte ich ganz anders gearbeitet.

Eva Seidl:

Wir hätten sehr viel spielerischer herangehen können. Sie hätten mehr Spaß und Freiheit gehabt und noch mehr miteinander entwickeln können. So wurde gleich jede Idee „festbetoniert“, weil wir wenig Zeit hatten. Trotzdem denke ich, dass es sehr gut ist, zum Schluss ein Ergebnis auf der Bühne zu präsentieren. Auch wenn der Prozess anstrengender war.

Andrea:

Dabei seht immer wieder im Vordergrund WIE tanze ich und nicht WAS tanze ich!

Was für Beobachtungen habt ihr gemacht? Hat sich etwas verändert?

Eva Seidl:

Ich habe schon das Gefühl, dass die meisten im Laufe des Projekts ein gewisses Selbstverständnis entwickelt haben. Sie stehen jetzt anders im Raum. Auch bei manchen Jungen bin ich ganz erstaunt, wie sie sich von den anderen unabhängig machen. Ein paar Kinder waren von Anfang an präsent.

Für mich liegt der Sinn eines Großprojekts darin, dass die Kinder mehr Bezug zueinander bekommen.

Wie war das Arbeiten mit dieser Gruppe – anders als bei „Regelschülern?“

Nein, was unsere Arbeit sehr beeinflusst hat, war die Gruppengröße und die wöchentliche Arbeitszeit von nur 60 Minuten.

In der Probephase habt ihr parallel auf drei „Bühnen“ gearbeitet, ohne Musik. Wie geht das? Das ist in der Not entstanden und keine wünschenswerte Arbeitsweise.

Wie haben die Schüler Euren Arbeitsstil aufgenommen?

Eva Seidl,Andrea Marton:

Am Anfang war großes Befremden und Unsicherheit. Die meisten haben sich schnell auf unsere Arbeitsweise eingelassen und für sich im Laufe des Projektes einen Zugang zum zeitgenössischen Tanz entdeckt. Es war auch für sie ein Lernprozess. Wie gehen andere mit Bewegung um? Was wird daraus? Da waren viele sehr offen.

Wie wurde aus den beiden Gruppen ein Stück?

Andrea Marton:

Weil wir voneinander sehr viel gesehen haben konnten wir gemeinsam eine „Schnittmenge“ in der Bewegung finden. Dabei haben wir voneinander kleine Bewegungselemente übernommen, um eine Art „roten Faden“ zwischen beiden Gruppen zu spinnen. Wir wollten nicht als „zwei Halbzeiten“ auftauchen, sondern als ein gemeinsames Ganzes.


Der Rhythmus des Lernens, Süddeutsche Zeitung, Münchner Kultur, 11. Juni 2008.

Körperschule: Ein Tanzprojekt verbessert die Unterrichtsqualität

Kinderfüße trippeln über den Hallenboden. Manche wippen nervös auf und ab, andere tapsen auf der Stelle. "Wir treffen uns im Stern", ruft Eva Seidl. Jetzt bilden sie einen Kreis, die Füße der zwölf Schüler der Klasse 1a des Sonderpädagogischen Förderzentrums an der Nadistraße. Seit kurzem alterniert dort alle zwei Wochen ein zweijähriges Tanzprojekt mit dem Sportunterricht, um die Kinder sozial, emotional und motorisch zu fördern und die Unterrichtsqualität zu verbessern. "Wir geben jetzt eine Nachricht weiter", sagt Tanzpädagogin Seidl, klatscht zweimal in die Hände und schnipst einmal mit den Fingern. Die Kinder der Diagnose- und Förderklasse tun es ihr gleich, die Nachricht geht reihum, hat nur manchmal Verspätung, wenn ein Postbote dreimal klatscht oder zu schnippen vergisst. "Wir versuchen spielerisch Rhythmus zu lernen", erklärt Seidl. "Viele Fächer wie Mathe, Lesen und Schreiben funktionieren über das rhythmische Gefühl, am besten trainiert wird es über den Körper."

Um die 30 Tanzprojekte unter dem Namen "Access to Dance - Tanzplan München", organisiert vom Kulturbüro Tanz und Schule, laufen derzeit an Münchner Schulen, das Haus an der Nadistraße ist darunter die einzige Förderschule. Die stellvertretende Direktorin Cornelia Kripp-Renz hat vorab gute Erfahrungen mit drei Einzelprojekten gemacht und findet, dass das Langzeitmodell perfekt in "das Konzept von ganzheitlichem Lernen" passt. Die Kinder sollen erfahren, wie es ist, "mit allen Sinnen wahrzunehmen, ein Gefühl für andere zu entwickeln und den eigenen Körper zu registrieren". All das sei auch in Konfliktsituationen wichtig, und so werde auf lange Sicht "vielleicht sogar die Gewaltprävention überflüssig." Die Schüler der Diagnose- und Förderklasse 1a weisen überwiegend Sprachentwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivität, aber auch motorische und kognitive Fehlentwicklungen auf. "Ich bin mir sicher, dass wir hochintelligente Kinder in der Klasse haben", sagt Eva Seidl, "die Intelligenz ist oftmals nur verschüttet, und die Kinder können nicht ran." Seidl sieht die Ursache der Entwicklungsstörungen vor allem in der strengen Diagnostik und darin, "dass die Kinder so früh eingeschult werden und der gesellschaftliche Anspruch zugenommen hat".

Kunst am Brennpunkt

Mohamed, Lisa, Mustafa und die anderen Kinder bewegen sich derweil zur Musik durch den Raum, schleichen, stampfen, rollen oder rennen. Wer nicht leise sein kann, wenn Seidl spricht, muss sich auf die Bank setzen. Ausgelacht wird deshalb aber niemand. "Die Kinder haben im vergangenen halben Jahr schon wahnsinnige Fortschritte gemacht", sagt Seidl. "Am Anfang konnten sie alle nicht mal für einen Moment ruhig auf der Stelle stehen und sich einigen, wer der erste in der Reihe sein darf. Inzwischen wechseln sie sich sogar automatisch ab." Der Tanz sei auch deshalb so gut zur Förderung geeignet, "weil im normalen Sportunterricht immer die Leistung im Vordergrund steht", sagt Seidl: "Bei mir experimentieren die Kinder mit ihrem Körper und sind dabei oft so harmonisch, dass es eigentlich schon Tanz ist."

Seidl will bald für fünf Unterrichtsstunden auch eine klassische Musikerin engagieren. Bei dem Haus an der Nadistraße handelt es sich um eine sogenannte Brennpunktschule mit einem Ausländeranteil von mehr als 60 Prozent. Im Unterricht will Seidl, die auch Tänzerin ist, ein "Klangbett" schaffen, auf dem die Kinder sich bewegen können. Ob sie sich als Künstlerin oder Pädagogin sieht? "Ich brauche den künstlerischen Hintergrund, um zu wissen, wo ich hin will, also fange ich pädagogisch an, habe aber dabei mein künstlerisches Ziel im Kopf." Für das nächste Schuljahr plant die Klasse einen Besuch beim Bayerischen Staatsballett, um dort "zu proben, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und um zu sehen, was die Profis machen", sagt Simone Schulte von Tanz und Schule. Knapp 12 000 Euro kostet das zweijährige Tanzprojekt an der Nadistraße, das zudem eine Lehrerfortbildung einschließt. Das Kulturreferat, das Münchner Konzept zur Schulentwicklung und der gemeinnützige Verein Tanz und Schule stemmen gemeinsam das Budget.

Lisa, Mohamed und den meisten anderen ihrer Klassenkameraden steht nach dem abgeschlossenen Tanz-Projekt ein Wechsel an eine Grundschule bevor. "Wenn es finanziell möglich ist", sagt die stellvertretende Direktorin Kripp-Renz, "würden wir das Projekt allerdings gerne langfristig in den Lehrplan aufnehmen".EVA-MARIA LINDNER

Aus dem Gleichgewicht, Interview mit Andrea Marton

Beitrag von Katja Schneider, Jahresheft Tanzplan Deutschland 2006/2007

Bewegung in die Schule bringen, von Malve Gradinger, Oper & Tanz 2008/04


Saarbrücken/München, 30.06.2007

Saarländischer Ministerpräsident Müller verleiht Zukunftspreis Jugendkultur der PwC-Stiftung

Mit dem Zukunftspreis Jugendkultur hat die PwC-Stiftung jetzt zum dritten Mal Leuchttürme der kulturellen Jugendbildung ausgezeichnet. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller verlieh den mit 12.500 Euro dotierten Preis an das Münchner Kulturprojekt „Tanz an Bayerns Grundschulen". Mit einem Sonderpreis für besonderes Engagement für Kinder- und Jugendkultur wurde das ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt verankerte Projekt „Majostics: Die Magie der Anziehung" gewürdigt. Den Rahmen bildete der Auftakt des bundesweiten Kongresses „Kinder zum Olymp!" der Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit der Kulturstiftung des Bundes im Saarbrücker Staatstheater.

Bewegung und Musik in den ersten Schuljahren zu verankern, das ist das Ziel von „Tanz an Bayerns Grundschulen". Das Kulturbüro Simone Simone Schulte & Andrea Marton vermittelt dazu renommierte Tanzpädagogen für umfassende Workshops an die teilnehmenden Bildungseinrichtungen - bis zu 40 Schulen des Freistaates sind einbezogen. Das Projekt ist verzahnt mit dem „Tanzplan Deutschland", dessen Münchner Ableger „Access to Dance“ und dem Bayerischen Staatsballett.

Die PwC-Stiftung „Jugend - Bildung - Kultur" gibt es seit Dezember 2002. Sie wurde auf Initiative der Führungskräfte der PricewaterhouseCoopers AG WPG gegründet.

www.pwc-stiftung.de
www.tanz-und-schule.de
www.bayerisches.staatsballett.de
www.tanzplan-deutschland.de